Interview: Schlafmediziner Dr. Rainer Michulla erklärt die Auswirkungen von Schlaf auf die Gesundheit
Von Viktoria Fischer | Hersfeld-Rotenburg.
Schlaf ist wichtig: Das wird uns spätestens dann schmerzlich bewusst, wenn wir länger nicht mehr schlafen konnten. Schlafmangel führt zwar nicht gleich zum Tod, doch es schränkt die Lebensqualität in hohem Maße ein. Wieso wir so aufs Schlafen angewiesen sind und was mit unserem Körper passiert, wenn wir nicht mehr ruhen können, das erklärt Dr. med. Rainer Michulla. Er ist Chefarzt der Abteilung Pneumologie, Schlafmedizin und Beatmungsmedizin im Kreiskrankenhaus Rotenburg – und führt als Lungenfacharzt zugleich eine eigene Praxis in Rotenburg. Warum ist Schlaf für unseren Körper so wichtig?Dr. Rainer Michulla: Im Schlaf findet eine körperliche und psychische Regeneration statt, auch das Immunsystem wird gestärkt, der Hormonhaushalt wird reguliert, Schlaf fördert und ermöglicht Konzentrations- und Gedächtnisleistung und verbessert das Reaktionsvermögen. Wie viel Schlaf reicht für einen Erwachsenen durchschnittlich aus?Michulla: Das ist schwer zu sagen. Statistisch reicht die Spanne von drei bis elf Stunden, die durchschnittliche Schlafdauer westeuropäischer Menschen liegt zwischen sechs und acht Stunden.Grundsätzlich reicht die Schlafdauer aus, wenn man sich beim Erwachen frisch und erholt fühlt, nicht unter Müdigkeit oder Schläfrigkeit am Tage leidet und normale Konzentrations-, Gedächtnis- und Reaktionsleistungen hat. Wie sinnvoll sind Mittagsschläfchen?Michulla: Können als Fitmacher sinnvoll sein, wer unter Ein- und Durchschlafstörungen leidet, sollte sie aber eher vermeiden. Wieso leiden manche Menschen unter Schlafstörungen?Michulla: Wir kennen an die 90 spezifisch mit dem Schlaf zusammenhängende Krankheiten. Einige werden durch persönliches Fehlverhalten, durch äußere Einflüsse, durch Schichtarbeit oder eben durch organische oder psychische Erkrankungen verursacht. Was kann bei Schlafstörungen helfen?Michulla: Ein „Schlaftrunk“ wie warme Milch mit Honig (Zähneputzen nicht vergessen) oder ein warmer Früchtetee und andere Einschlafrituale sind sinnvoll. Alkohol oder sogenannte Schlafmittel, ob rezeptfrei oder nicht, kann ich nicht empfehlen. Wann sollte man bei Schlafstörungen einen Arzt aufsuchen?Michulla: Bei andauernden Ein- und Durchschlafstörungen, starkem Schnarchen mit Atemaussetzern, bei unruhigen Armen oder Beinen im Schlaf, Müdigkeit oder Schläfrigkeit am Tage oder bei Sekundenschlafereignissen am Steuer eines Autos, bei nächtlichem Aufschrecken aus dem Schlaf, Luftnot im Liegen, Schlafwandeln und gehäuftem Harndrang in der Nacht. Welche Folgen kann schlechter Schlaf auf Dauer für die Gesundheit haben?Michulla: Sehr viele unterschiedliche, je nach Ursache. Hier die wichtigsten: Schlaganfall, Herzinfarkt, Bluthochdruck, Zuckerkrankheit, Selbst- und Fremdgefährdung durch Steigerung der Unfallgefahr – nicht nur im Straßenverkehr. Wie sieht Ihrer Meinung nach die perfekte Schlafumgebung aus?Michulla: Bequemes Bett, nicht zu harte oder zu weiche Matratze, verstellbares Lattenrost. Ein Wasserbett ist nicht für jeden geeignet, vor Anschaffung sollte ein Schlafmediziner beraten. Das spart Geld und Frust. Weitere Faktoren: Schlafraum abdunkelbar, ruhig, äußere Zeitgeber nicht im Blickfeld, nicht zu warme oder zu kalte Raumtemperatur. Zur PersonDr. med. Rainer Michulla (57) ist Chefarzt der Abteilung Pneumologie, Schlafmedizin und Beatmungsmedizin im Kreiskrankenhaus Rotenburg. Außerdem führt er als Lungenfacharzt eine eigene Praxis. Michulla ist in Bottrop geboren und studierte Medizin in Han-nover. Er istverheiratet und hat vier Kinder. In seiner Freizeit bewirtschaftet er sein Jagdrevier in der Nähe von Rotenburg. (fis) Auf üppiges Abendessen verzichtenWas man vor dem Schlafengehen lieber lassen sollte – Experte gibt Tipps für gute und erholsame Nächte Jeder Mensch hat vor dem Schlafengehen sein ganz eigenes Ritual. Doch nicht alles ist dem Schlaf auch förderlich. Das weiß der Schlafmediziner Dr. Rainer Michulla aus Rotenburg und gibt Tipps für einen besseren Schlaf. Kein Spätes AbendessenOb man mit vollem oder leeren Magen zu Bett geht, ist Gewohnheitssache oder äußeren Umständen geschuldet. Vor dem Schlafen sollte auf ungewohnt üppiges Essen oder bekanntermaßen unverträgliche Speisen verzichtet werden, sagt Dr, Michulla. Auf koffeinhaltige Getränke (Kaffee, Cola, Energy Drinks und schwarzen Tee) sollte man vier Stunden vor dem Schlafengehen verzichten. Kein Sport vorm SchlafenSinnvoll sei es, übermäßige körperliche Aktivität wie Sport oder psychische Erregung vor dem Schlafengehen zu meiden. Unter dem Einfluss der dabei produzierten Stresshormone schläft man schlechter ein. Ein kurzer Abendspaziergang ist aber erlaubt und kann die Schlafqualität sogar fördern. Im Bett nur schlafenAus dem Schlafzimmer sollte alles verbannt werden, was einen wachhalten kann. Darunter fallen Notebooks, Fernseher und Co. – mit einer Ausnahme: Sex. Körperliche und seelische Entspannung helfen beim Einschlafen. Lesen als Einschlafritual ist auch okay. Genügend LuftfeuchtigkeitTrockene Raumluft wirkt sich ungünstig auf den Schlaf aus. Deshalb empfiehlt der Experte eine Luftfeuchtigkeit von 45 bis 65 Prozent. Bitte keine Befeuchter an die Heizung hängen, da züchtet man nur Schimmelpilze. Abends einmal gut durchlüften, das reicht. Die optimale Temperatur sollte im Schlafzimmer 16 bis 18 Grad betragen. Auf Pflanzen verzichtenPflanzen können wegen der Bildung von Schimmelpilzsporen, besonders bei Aufzucht in feuchten Erdkulturen, problematisch sein. Da ist man leicht über sieben bis acht Stunden den Schimmelpilzsporen ausgesetzt. Aufstehen und ablenkenWer nachts nicht schlafen kann, sollte sich nicht im Bett herumwälzen. Lieber aufstehen und etwas möglichst monotones tun (bügeln, abwaschen, stricken, aufräumen), rät Dr. Michulla. Man sollte erst wieder ins Bett gehen, wenn man müde geworden ist. Kein Alkohol, kein RauchenEs ist ratsam vor dem Schlafen auf Alkohol sowie aufs Rauchen zu verzichten, da sich der Konsum ungünstig auf die Schlafqualität auswirkt. Zur gleichen Zeit aufstehenImmer zur gleichen Uhrzeit aufstehen, auch am Wochenende und im Urlaub. Der Körper gewöhnt sich schnell daran. Wenn die innere Uhr weiß, wann es Zeit zum Aufstehen ist, wird auch abends die nötige Bettschwere kommen – damit sorgt der Körper für ausreichend Schlaf. Keine Warmen FarbenIm Schlafzimmer sollten kühle Farben wie Blau- und Grautöne dominieren. Warme Farben regen zu sehr an. (fis)Quelle: HNA
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